Untersuchen wir der Reihe nach diese Veränderungen, die der Islamischen Union den Weg ebneten.
Zusammengefasst heißt dies, daß während eines langen Zeitraums im 20. Jahrhundert ein großer Teil der Muslime in Kolonien lebte. Als die Kolonialisierung in den 1950er und 1960er Jahren zu Ende ging, fingen die Muslime an, ihre Freiheit zu erlangen. England zog sich zuerst aus Indien, dann aus dem Mittleren Osten zurück. Auf der indischen Halbinsel wurden Pakistan und dann Ostpakistan, das spätere Bangladesch gegründet. Im Mittleren Osten gewannen Muslimische Staaten wie Ägypten, Jordanien und Irak ihre Unabhängigkeit. Nordafrika befreite sich in einer langen und blutigen Phase vom französischen Imperialismus. Die anderen Muslimischen Staaten Afrikas wurden in den 1960er Jahren nacheinander unabhängig. Im Jahre 1965 verkündeten Malaysia und Indonesien gleichzeitig ihre Unabhängigkeit. Am Ende der 1980er Jahre und mit dem Niedergang des kommunistischen Blocks und der UdSSR gewannen auch die dortigen Muslime ihre Freiheit. Die Muslimischen Turkstaaten Zentralasiens machten sich nach eineinhalb weiteren Jahren von der russischen Vorherrschaft frei und wurden zu unabhängigen Republiken. Der Niedergang des Kommunismus brachte auch den Muslimen des Balkans die Freiheit. Bosnien-Herzegowina machte sich von der serbischen Herrschaft Jugoslawiens frei und solcherart entstand ein Muslimischer Staat mitten in Europa. Auch Albanien löste sich von dem blutigen kommunistischen Regime des überzeugten Atheisten Enver Hodscha.
Von Minderheiten in einigen Ländern und von einigen besetzten Muslimischen Ländern wie Palästina und Kaschmir abgesehen, verfügen heute die Muslime dieser Welt über ihre eigene politische Führung. Diese große politischen Veränderungen machen es heute möglich, von einer Islamischen Union zu sprechen, etwas, was im 20. Jahrhundert nicht möglich gewesen wäre.
Ein Beispiel ist der "arabische Sozialismus", der in den 1950er und 1960er Jahren die arabische Welt tief beeinflußte. Dieser arabische Nationalismus, gestützt auf einen eingeschworenen Nationalismus, der über keinerlei Platz in der Islamischen Moral verfügt und der auf radikalen marxistischen Methoden und Erklärungen basiert, die wiederum nichts mit dem Islam zu tun haben, gewann plötzlich an Stärke und zog sich dann schnell wieder zurück. Für die arabische Welt brachte er nur Zeitverlust und Spannung.
Während des 20. Jahrhunderts fanden radikale Veränderungen in der Islamischen Welt statt: In den 1950er und 60er Jahren wurden viele Muslimische Länder unabhängig, und in den 1990ern brach der Kommunismus zusammen, was den meisten Muslimen, die bisher unter diesem System gelitten hatten, ermöglichte, einen besseren Lebensstandard zu erreichen. |
Huntington diagnostiziert, daß die Welt im 21. Jahrhundert weniger durch Nationalstaaten oder politische Blöcke geformt sein wird, sondern vielmehr durch Zivilisationen und dadurch, daß die überlegene Identität die Identität der Zivilisation ist. Auch ist die Diagnose richtig, daß die stehenden Zivilisationen über eine religiöse Basis verfügen. Der Fehler Huntingtons liegt darin, die Beziehungen zwischen den Zivilisationen als eine Basis für Auseinandersetzungen zu sehen. Wie wir aber in diesem Buch untersuchten, ist es möglich, daß die Beziehungen zwischen den Zivilisationen nicht auf Auseinandersetzungen, sondern auf Freundschaft und Zusammenarbeit beruhen. Der Grund für das Selbstverständnis von Gesellschaften durch Zivilisationen der Welt liegt in der Beendigung des Kalten Krieges. Eine weitere Ursache ist im weltweiten Niedergang des Atheismus und im Aufkommen der religiösen Moral zu sehen. Dies hängt eng mit dem Beginn des Niedergangs der materialistischen Philosophie durch neue wissenschaftliche und gesellschaftliche Entwicklungen zusammen. Vor allem wissenschaftliche Entwicklungen führten dazu, daß die Stützen des Materialismus niedergerissen wurden und die Menschen deutlich die Beweise für die Existenz Gottes erkennen können. In einem Zeitalter, in dem der Glaube an Gott ständig zunimmt und in dem sich die Menschen von neuem der religiösen Moral zuwenden, wird zweifellos auch der Glaube an den Islam zunehmen.
Vor 30-40 Jahren war die Situation ganz anders. Die Welt dachte in den engen ideologischen Mustern des Kalten Krieges. Auch war die falsche Meinung vebreitet, daß unter der Einwirkung der materialistischen Weltanschauung die religiöse Moral im Leben der Menschen und der Gesellschaften nicht zum bestimmenden Faktor werden könne. Doch seit Beginn der 1980er Jahre stieg der Islam mit einem Mal an die Spitze der Agenda der Welt und der Westen bemerkte, daß die Islamische Moral eine große Kraft ist, die Menschen und Gesellschaften bewegen kann.
In den 1990er Jahren nahm das Interesse des Westens am Islam weiter zu. Einer der Indikatoren dafür ist die steigende Anzahl von Nachrichten in den Medien über den Islam. Das größte Interesse am Islam begann jedoch nach den Anschlägen vom 11. September. Die westlichen Länder, vor allem aber die Amerikaner bemühten sich, die Islamische Moral kennenzulernen und die Muslime zu verstehen. Westliche Medien und eine große Zahl von akademischen Arbeiten haben den Islam zum Thema. Auch wenn ein Teil von ihnen nicht vorurteilsfrei ist, so lenken sie doch die Aufmerksamkeit auf den Islam und sind ein Mittel, noch mehr Menschen zur Moral des Islam zu führen.
Der Islam ist die sich am schnellsten verbreitende Religion der Welt. Viele Menschen im Westen bemühen sich, seine Moralität zu ergründen und bekunden offen ihr Interesse und ihre Bewunderung für den Islam. |
Wenn man nur das Internet betrachtet, zeigt sich, wie sehr die Kommunikation unter den Muslimen entwickelt ist. Die Technologie des Internets wurde wie für alle Menschen auch für die Muslime zu einer großen Gottesgabe. Dank des Internets stieg die Anzahl gemeinschaftlicher Arbeiten und gleichzeitig wurden die Möglichkeiten des Zugangs zu Wissen erheblich erweitert. So bilden sich auch in der islamischen Welt Generationen heran, die lesen, nachdenken, Ideen entwickeln und Problemlösungen finden. Der malaysische Sozialwissenschaftler Farish A. Noor, der an der Freien Universität Berlin forscht, macht folgende Feststellungen bezüglich der Auswirkungen der Globalisierung auf die Islamische Welt:
Dank der entwickelten Kommunikationstechnologie und dem freien Fluß von Wissen und Informationen sind die Muslime endlich frei, sich direkt dem Wesen der Islamischen Wissenschaften zuzuwenden; grundlegende Bücher und Erklärungen bezüglich der Islamischen Gedankenwelt sind endlich nicht mehr begrenzt auf weit entfernte Bibliotheken und einige wenige Bücher...
Eines der Ergebnisse sind... endlich die Entwicklung von neuen breiten Bevölkerungsschichten, die aus Islamischer Sicht über Bewußtsein verfügen und ausgebildet sind. Gleichzeitig mit dem Zugang zu Islamischen Texten und Wissen wird sichergestellt, daß Muslimische Frauen und nicht akademisch gebildete Muslime mehr lernen, Ideen produzieren und interpretieren. 45
Alles ausserhalb der Quantentheorie und selbstverständlich auch die Islamische Welt ist durch Zeit und Raum begrenzt. Im übrigen konnte sich jeder, der wollte, auch ohne die heutige Kommunikationstechnologie mit der Islamischen Wissenschaft beschäftigen, wenn dies auch mühsamer war als heute. Einen Quatschkopf wie Noor zu zitieren, trägt nicht zur Qualitätsverbesserung eines Buches bei. 46
Doch nicht nur das Internet, auch die Medien vereinigen die Muslime der Welt. Ein Thema in einem Islamischen Land wird im selben Augenblick von allen Islamischen Ländern verfolgt, ruft auch dort ein Echo hervor und wird zum allgemeinen Thema der dortigen Muslime. Alle diese Möglichkeiten zeigen, daß die Muslimische Welt eine noch leuchtendere Zukunft erlangen wird.
Eines der wichtigen Zeichen, die anzeigen, das die Islamische Union nahe ist, ist die Tatsache, daß das Bedürfnis nach einer Islamischen Union auch vom Westen bemerkt zu werden beginnt. Vor allem die Identifizierung einer seit einhundert Jahren auf dem früheren Osmanischen Staatsgebiet fortbestehenden Autoritätslücke findet ein Echo in dem Gedanken, daß die Lösung mit der irgendwie gearteten Wiederbelebung des osmanischen Modells möglich ist.
Eine der Interpretationen der westlichen Medien ist der Artikel "A World Still Haunted by Ottoman Ghost" (Das osmanische Gespenst geistert immer noch durch die Welt) in der New York Times vom 9. März 2003 von Davis Fromkin. In dem Artikel, der mit dem Satz beginnt: "Ein Gespenst läßt die USA nicht zur Ruhe kommen, und zwar das Gespenst des Osmanischen Reiches", schreibt Fromkin folgendes:
Heute zielen die noch ehrgeizigeren Namen in der Regierung Bush nicht nur auf die Belagerung des Iraks ab, sondern möchten dies als eine Basis benutzen den gesamten arabischen Mittleren Osten zu transformieren.
Bereits vorher übernahmen westliche Länder (England und Frankreich) einmal die Aufgabe, die osmanischen Gebiete neu zu formieren. Nachdem diese Länder aus dem 1. Weltkrieg siegreich hervorgegangen waren, zeichneten sie die Landkarte des Mittleren Ostens neu. Der Irak ist einer der so entstandenen künstlichen Staaten.
Nach dem 1. Weltkrieg besiegten England und Frankreich das Osmanische Reich und übernahmen die Kontrolle über die arabischen Gebiete. Damit fiel ihnen auch etwas sehr wichtiges in die Hände: die Wahrscheinlichkeit auf diesen Gebieten große Ölquellen zu finden.
Die Europäer und deren amerikanische Kollegen hofften, hier freundliche und stabile Regimes zu gründen. Nachdem die Grenzen in den 1920er Jahren von neuem gezogen worden waren, begannen England und Frankreich ein Staatssystem und bemühten sich eine politische Führerschaft sicherzustellen. Allerdings erduldete es das System nicht. Ganz im Gegenteil, die Region wurde noch instabiler und unruhiger.
Im Rückblick ist klar zu erkennen, daß die meisten Charakteristika des Mittleren Ostens, von dem Bush manche Teile verändern möchte, in der 500 Jahre dauernden osmanischen Herrschaft Form angenommen haben. 47
Der englische Journalist Timothy Garton Ash veröffentlichte in der Zeitung The Guardian eine ähnliche Analyse. Ash, der sich mit den Problemen der Albanier im Kosovo und den Kurden im Norirak befasst, meint “Beide Male sehen wir uns auch noch nach einem Jahrhundert dem Erbe des Osmanischen Reiches gegenüber”, und beendet seinen Artikel folgendermaßen:
Sehen wir der Tatsache ins Auge: Wenn der blutige Krieg (im Irak) beendet ist, werden wir wieder ins Jahr 1918 zurückgekehrt sein, das heißt der Mehrzahl der Probleme, denen unsere Großväter gegenüberstanden, werden wir in den gleichen Regionen wieder ins Gesicht sehen. Und immer noch haben wir keine Antwort darauf. Manchmal denke ich, daß es notwendig ist, das Osmanische Reich von neuem zu gründen. 48
Die Entwicklungen, die seit Beginn des 14. Jahrhunderts Islamischer Zeitrechnung geschahen, zeigen, daß die Geschichte der Muslime an einem bedeutenden Wendepunkt angelangt ist. Unser aller Aufgabe ist es, dieser Verantwortung gerecht zu werden.